Das mache ich jetzt auch
Sie haben wohl lange zusammen gesessen. Die Regierungskoalitionäre. Dort, im Kanzleramt …
„Wir müssen was tun“, sagt die Kanzlerin aufgeregt. „Wir müssen ein Zeichen setzen.“
„Das ist mir jetzt gar nicht recht“, mault Guido Westerwelle. „Erst heißt es, wir sollen gar nichts tun. Jetzt heißt es, wir sollen was tun. Wie soll ich diesen Kursschwenk meinen Leuten beibringen?“
„Keine Panik“, antwortet Wolfgang Schäuble. „Ich habe eine Idee.“
Erwartungsvoll richten sich die Augen von Guido Westerwelle und Angela Merkel auf den Finanzminister. Nur die Augen von Horst Seehofer nicht. Sie sind geschlossen, sein Kopf hängt schlapp herunter. Guido Westerwelle stupst ihn an und weckt ihn sanft.
„Ich bin dagegen“, ruft der bayerische Ministerpräsident beim Aufwachen. Verschlafen blinzelt er in die Runde.
„Wolfgang hat eine Idee“, sagt Guido zu Horst.
„Da hätte ich besser weitergeschlafen“, sagt Horst.
„Psscht“, zischt Wolfgang. „Nun hört doch einmal zu.“ Dann verkündet er seine Idee:
„Die Wähler … also das Volk … diese Menschen da draußen … die warten doch auf ein Zeichen von uns. Ein Zeichen der Gerechtigkeit.“
„Darauf warte ich auch“, mault Guido. „Ich werde sehr ungerecht behandelt.“
„Pssscht“, zischen Angela, Horst und Wolfgang gemeinsam in Richtung Guido. Er verschränkt schmollend seine Arme vor der Brust.
„Ich habe mir überlegt …“, setzt Wolfang wieder an, um seine Idee in die Runde zu bringen, „dass es doch eine gute Idee ist, die Banken in die Pflicht zu nehmen. Die sollen jetzt in einen Fonds einzahlen, damit sie bei der nächsten Krise besser gesichert sind. Das klingt gerecht. Wir zeigen, dass wir was tun. Und der Steuerzahler ist begeistert. Na, was haltet ihr davon?“
Begeistert von seiner eigenen Idee schaut Wolfgang in die Runde. Doch keine Hand bewegt sich zum Applaus. Kein begeistertes „Ahh“ und „Ohh“ schlägt ihm entgegen. Nur ein entgeistertes „Ääääh“ aus dem Mund von Angela.
„Ääääh, spinnst du? Wenn die Banken, die die große Krise verursacht haben, jetzt in einen Schutzfonds zahlen – dann zahlt das am Ende ja doch der Steuerzahler. Weil die Krisenbanken sind doch die Sparkassen und Landesbanken … äh … und diese Bank aus Bayern da, deren Namen ich nicht mehr in den Mund nehme. Also genau die Banken, in denen wir unsere unverwendbaren Parteimitglieder in Vorständen und Gremien geparkt haben. Und diese Banken sind immer noch so was von pleite. Das können wir dem Steuerzahler nicht antun.“
„Ich bin dagegen“, mault auch Horst. Ihm fällt es etwas schwer, zu dieser späten Uhrzeit die Augen offen zu halten. Normalerweise ist er in Berlin um neun im Bett, kaum dass die Kinder in der Hauptstadt schlafen.
Guido schmollt immer noch und hält weiterhin die Arme vor der Brust verschränkt.
„Nun wartet doch mal“, grinst Wolfgang. „Es geht doch gar nicht um die Landesbanken, Sparkassen und halbstaatlichen Hypothekenfinanzierer. Die Privatbanken sollen zahlen.“
„Hä?“, sagt Guido. „Wieso die denn? Die haben doch gar keine Hilfen gebraucht und auch kein Geld vom Steuerzahler bekommen.“
„Eben“, sagt Wolfgang. „Diese Banken hätten ja auch nie solche kriminellen Geschäfte gemacht. Wie auch? Da sitzen ja gar keine Politiker in den Gremien.“
„Und weiter?“, fragt Angela, die langsam an der Idee Gefallen findet.
„Ganz einfach“, sagt Wolfgang und strahlt wie seit langem nicht mehr. „Wir richten einen Banken-Selbsthilfe-Fonds ein, der nur von Privatbanken gefüllt wird. Und wenn unsere Banken dann mal wieder Mist bauen, können wir darauf verweisen, dass dank unserer weitsichtigen Politik der Steuerzahler geschützt worden ist.“
„Das gefällt mir“, sagt Angela. „So machen wir das.“
„Politik ist so ein herrliches Geschäft“, murmelt auch Guido Westerwelle zufrieden.
„Wenn es dir so viel Spaß macht“, entgegnet Horst immer noch schlecht gelaunt, „warum lernst du es denn nicht?“
„Ich bemühe mich ja“, entgegnet Guido. „Deshalb habe ich mich eine Weile an deinem Stil orientiert. Aber nun weiß ich mittlerweile, dass man sich lieber erfolgreiche Vorbilder suchen soll.“
„Schluss jetzt“, mahnt Angela. „Ihr Jungs könnt euch doch nicht immer zanken. Außerdem müssen wir jetzt die Runde aufheben. Wolfgang, du bleibst noch hier. Wir müssen noch besprechen, wie wir die Botschaft geschickt unter die Wähler .. aäh, das Volk … also die da draußen bringen …“
Und genau so ist es heute geschehen. Die Banken, die nicht gezockt und keine kriminellen Geschäfte getätigt haben, die unbeschadet durch die Krise gekommen sind und noch ein klitzekleines bisschen auf das Wohl ihrer Kunden schauten, dürfen nun zahlen. Und Landesbanken und Co. brauchen das nicht …
Aber gut. Ich mach das jetzt auch! Ich werde mich auf die Regierung berufen.
Wenn ich zukünftig Mist baue und mein Nachbar nicht, dann schick ich dem aber die Rechnung. Die Regierung sagt ja: „Es geht!“
G. Stein, 1 April 2010